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From Darkness: Aus der Dunkelheit ins Licht des Lächelns.
 
»Aus der Dunkelheit kommt großes Licht. Das eine kommt nicht ohne das andere aus. Mir gefällt die Vorstellung, von der Dunkelheit dorthin zu gehen, wo das Licht ist.(…) Musik ist Produkt des Übergangs von einem Zustand in den anderen, das ist das eigentlich Interessante ihrer Entstehung, der Prozess ist nie statisch.«
From Darkness heisst Avishai Cohens neues Album. Es klingt klassischer, irgendwie mathematischer, vielleicht auch ernster als seine Vorgänger, auf denen sich die Folklore seiner Heimat, auch im Gesang, mehr ausbreiten konnte. Nun geht er einen Schritt back to the roots, zu seiner ersten musikalischen Erfahrung, zur Klassik und ihrer Kompositionsweise. Auf dem neuen Werk gibt es, gut verpackt im Cohen-typischen Mix aus Jazz, karibischer, afrikanischer, mediterraner und der Musik des mittleren Ostens, wieder mehr Bachsche Kontrapunktik und klassische Formensprache.
»Die Klassik ist der „Gott aller Musik“, das Mekka, wo ich immer hin wollte. Bach ist für mich das höchste Beispiel für Genialität in der Musik, der Komposition von Musik.«
Und doch hört man deutlich schon in den ersten paar Takten: das ist unverkennbar Avishai Cohen. Kunstvoll perkussive Ornamente um die verschlungenen Pfade seiner Themen, die typischen ungeraden Grooves, viel Latinrhythmik und arabisch-nahöstlich-hispanische Melodik, für die man ihn überall auf der Welt liebt. Interessant ist: auf From Darkness geben sich Komposition und Improvisation im fliegenden Wechsel die Hand, manchmal kann man kaum zwischen beiden unterscheiden.
»Die Improvisation, die einen großen Raum auf diesem Album einnimmt, ist so gut eingebettet in die Musik, dass alles fliesst, als wäre es komponiert und das ist gut so; es ist für mich der Inbegriff von Musik, wenn alles eins ist. Dafür brauchst du allerdings die richtigen Musiker, und ich bin in der glücklichen Lage, die an meiner Seite zu haben.«
Er sagt dies selbstbewusst und im vollen Bewusstsein des Privilegs, seit langem schon aus dem Vollen schöpfen zu können. Mit 22 Jahren ging er nach New York, kurze Zeit später wollten ihn schon alle haben. Danilo Perez holte ihn in sein Trio. 1997 begeisterte sich Chick Corea für die frische Energie, die der junge israelische Bassist mitbrachte. Für sechs Jahre sollte er Teil von Coreas Musik bleiben. Mit seinen jungen Mitmusikern geht er heute ähnlich um: er stellt hohe Anforderungen, ist Mentor und gleichzeitig Kollege.
»Ich bin viel unterwegs und ständig dabei, nach Musikern zu schauen, die in der Lage sind, meine Musik zu spielen. Habe ich sie gefunden, sind sie bald sowohl meine Lehrer als auch meine Schüler.(…) Mein Trio ist der Kern und der Motor für meine Musik, damit kann ich alles spielen und selbst bei Almah (2013), einem Album mit Streichern und Oboe, lassen sich die Stücke mit dem Trio auf das Wesentliche reduzieren.«
Am Flügel sitzt weiterhin Nitai Hershkovits, mit dem er seit dem Duo-Album Duende (2012) zusammen arbeitet. Er hatte den jungen talentierten Pianisten in Tel Aviv entdeckt und sich sogleich blendend mit ihm verstanden. Pianisten im Avishai Cohen Trio sind immer vom Feinsten, sind kongeniale Partner und meist ähnlich veranlagt wie er: mit einem ausgeprägten Hang zur Hingabe. Dazu ist Debütant Daniel Dor unzweifelhaft der richtige Drummer für Avishais Musik. Schlagzeuger zu sein in dieser Band bedeutet nicht nur viel Arbeit, sondern Spielen auf höchstem Level der Konzentration, immer alert zu sein. From Darkness ist auch ein Album für Rhythmiker, das Schlagzeug steht über weite Strecken im Mittelpunkt des Geschehens. Dazwischen ist natürlich immer wieder Raum für energische Statements von Avishais Bass in Ostinati und Solopassagen, ganz so als käme alle Schöpfung aus diesem Instrument. Live am Bass ist er so hingebungsvoll und sexy wie eh und je, er spielt, als sei er in jede einzelne Note verliebt, und man nimmt ihm das ab.
»Der Bass ist ein wunderbar inspirierendes Instrument, dennoch entstehen die meisten Kompositionen bei mir am Klavier, weil dieses Instrument alles bietet, um Musik zu schreiben. Die Eingebung für meine Musik kommt allerdings von einem Ort, der jenseits aller Instrumente liegt.«
Bass, Klavier und Gesang machen Avishai Cohen zum complete musician. Auf From Darkness schweigt seine Stimme, live hingegen singt er immer noch gern, meistens im Zugabenteil die ergreifend schöne Hommage an die Poesie Lateinamerikas, Mercedes Sosas »Alfonsina y el Mar« - nur er und der Bass. Im Gespräch wurde er sehr ausführlich, als es um die menschliche Stimme in der Musik ging:
»Die Stimme kam im Laufe der letzten 10-15 Jahre immer mehr auf völlig natürliche Weise dazu. Auf der Bühne und im Studio. Ich benutze sie einfach genau wie Piano und Bass als Instrument. Vor allem aber fühle ich mich als Musiker, als einer, der einfach gerne spielt. Sicher ist das Komponieren letztlich DIE Geschichte meines Lebens, aber durch die Stimme entsteht ein wichtiger Zugang zu meiner emotionalen Kreativität, sie ist das größte Geschenk, was wir haben. Ob wir sprechen oder singen, die menschliche Stimme drückt so viel mehr aus als alles Andere. So war es unvermeidlich für mich, sie auch zu benutzen. Wenn ich eine furchtbare Stimme hätte, würde ich vermutlich jemand anderes für mich singen lassen (lacht). - Durch das Singen habe ich soviel gelernt, dafür bin ich sehr dankbar. Englisch ist sicher die ideale und flüssigste Sprache zum Singen. Ebenso mag ich spanisch wegen der scharfen Artikulation. Für mich sind Ladino und Hebräisch dennoch die naheliegenden Sprachen. Ich bin froh, dass ich diese Möglichkeiten habe, mich in verschiedenen Sprachen auszudrücken. Sie haben alle ihre speziellen Eigenschaften und ich liebe sie alle.«
Zu Ladino, der Sprache der Sepharden, der in der frühen Neuzeit aus Spanien in den Osten vertriebenen Juden, hat er mütterlicherseits eine besondere Beziehung. Hineingeboren wurde er 1970 in Kabri, Israel in eine multikulturelle Familie mit Wurzeln in Spanien, Griechenland und Polen. Die Familie zog in die USA, als er vierzehn war, dort kam der Jazz. Der elektrische Bass und damit Jaco Pastorius ergriffen Besitz von ihm, und natürlich die anderen Großen des Jazz...
»Der Wunsch nach Freiheit brachte mich zum Jazz. Der Jazz ist nach wie vor die Musik, die die größte Freiheit in sich birgt. Miles, Monk und Charlie Parker sind die Genies des Jazz. Paul Chambers, Ray Brown, Andy Gonzalez, Israel Cachao Lopez, Jaco Pastorius sind meine großen Einflüssen von der Seite der Bassisten.«
Zum Schluss ein Lächeln. Das letzte Stück auf From Darkness ist »Smile« aus Charlie Chaplins musikalischem Nachlass.
»Es ist sehr selten, dass ich Standards aufnehme. Ich mache das einfach, aber nur dann, wenn ich etwas ganz besonderes mit einem Standard zu sagen habe. Es gibt Musiker, wie etwas Miles oder Keith Jarrett, deren Welt die Standards sind, sie drücken sich in Standards aus. Ich bin da anders. Ich habe „Smile“ so arrangiert, dass es einen Bezug zu der Musik auf meinem restlichen Album hat. - Außerdem, wenn ein Album From Darkness heisst, ist es schön, es mit einem Lächeln zu beenden.«
Jan Kobrzinowski
 
Aktuelles Album: From Darkness (razdaz recordz)
 

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Erschienen in JAZZTHETIK 03/04-2015
Avishai Cohen - Ins Licht
Der Bassist Avishai Cohen findet in der Dunkelheit ein Lächeln.
von Jan Kobrzinowski